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Das Weiße Buch – Kein freimaurerisches Symbol? Oder Streitkultur unter Brüdern


(Beitrag vom 08.03.2012 korrigiert am 25.10.2014)

Zeichnung vom 02.03.2007

Das Weiße Buch – Kein freimaurerisches Symbol?

Fragen zur Tolreanz und Irregularität in der Freimaurerei.



Um es gleich vorwegzunehmen, ich möchte keine Diskussion entfachen, ob wir hier das Weiße Buch auflegen.
Es ist mir auch nicht in erster Linie wichtig, eine Veränderung in unseren Statuten zu bewirken, sondern ich möchte einfach einmal versuchen, meine Brüder anzuregen, das Winkelmaß und das Senkblei an das freimaurerische Denken und Handeln der Institution Freimaurer und an die Art und Weise wie wir mit Andersdenkenden umgehen, anzulegen.

Ich denke, es ist das freimaurerische Grundprinzip während der Arbeit an dem Rauen Stein und somit am symbolischen Bau, immer einmal das Winkelmaß und das Senkblei anzulegen. Genauso ist es wichtig, bei den Menschen und Brüdern die in unserem Zirkel stehen unser Wirken und unser Auftreten nachzuprüfen.

In den letzten Tagen habe ich auf einem Bruderabend davon gesprochen, dass meiner Meinung nach Freimaurer doch Freidenker sein sollten - dem wurde sofort drastisch widersprochen da ja Freimaurer sich nicht über geschriebenes Gesetz (wie auch z.B. die Basic Principles) hinwegsetzen dürfen und somit keine Freidenker sein können. Glaubt mir meine Brüder, an mir gehen solche Aussagen nicht spurlos vorüber, ich setze mich damit auseinander und versuche meine Betrachtungsweise auf Gültigkeit hin zu überprüfen.

Mein Resümee: Natürlich müssen wir Freidenker sein, auch ein Gesetz kann und sollte immer auf den Prüfstand gestellt werden.

Wenn sich z.B. im dritten Reich ein bekennender Freimaurer gegen das damals geltende Gesetz gestellt und einem Juden geholfen hätte, der sicheren Vernichtung zu entgehen, wir und die Ganze Welt würden ihn heute ehren und niemand würde anklagen, dass er gegen geltendes Recht verstoßen hatte.

Auch ist es notwendig, den Abstand zwischen dem beträchtlichen philosophisch-intellektuellen Niveau, das die Logen für sich beanspruchen, und den nicht selten eher oberflächlichen, mit Dogmen behafteten und unreflektierten Charakter der in und zwischen den Logen und Großlogen geführten Diskurse aufzulösen.

Vor einigen Wochen wurde mir bekannt, dass es etwa 40.000 Freimaurerbrüder in Frankreich gibt, die als irregulär gelten und dadurch nicht als Brüder anerkannt werden.

Einer der Hauptgründe ist – Sie legen ein Weißes Buch anstatt der Bibel bei den Tempelarbeiten aus.

Ich fragte mich damals „Wie kann die Verwendung des Weißen Buches als Ersatz für das Symbol des Obersten Prinzips so schlimm sein, dass man so viele Brüder aus der Bruderkette ausschließt“

Auch hier war eine wirklich ernstzunehmende Diskussion unter uns Brüdern kaum möglich. Es wurde sofort kategorisch abgelehnt – ich denke, ohne wirklich ernstlich darüber nachzudenken oder auch aus Angst vor Veränderung.

Oberstes Gebot unter uns Brüdern sollte nicht sein, das Wort des Einzelnen zu zerpflücken und darauf zu warten, dass man eine Schwachstelle findet in die man sofort einstechen kann sondern wir sollten lernen, auch zwischen den Zeilen zu lesen und versuchen zu verstehen, - Was will mir der Bruder sagen?

Zusammenfassen um mit Nietzsche’s Worten zu reden:

„Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten, als den Andersdenkenden“.

So begab ich mich auf meine Entdeckungsreise „Weißes Buch“.

Als erstes fand ich über ein gedecktes Forum im Internet heraus, dass über 100.000 Freimaurer in Südamerika auch das Weiße Buch auflegen und trotzdem als regulär anerkannt werden.

Das es einigen Logen in Deutschland gestattet ist, das Weiße Buch neben der Bibel auszulegen und trotzdem als regulär anerkannt sind.

Wie erklärt sich das eigentlich mit unserem Gleichheitsprinzip?

Nach der alten vedischen Lehre (übrigens auch als Buch des Obersten Prinzips anerkannt) und viel älter als die Bibel, ist die Oberste Stufe der Gott Braham oder Atman – ein Gott ohne Eigenschaften und somit nicht zu beschreiben. Erst in den unteren Stufen wird durch Prakriki die Urnatur über OM (Wort, Zeit und Raum) und durch Purusha der Allgeist und die Seele geschaffen und erst viel später tauchen die Eigenschaften die uns Menschen dazu befähigen Worte zu schreiben und zu verstehen auf.

Auch in unserer christlichen Religion heißt es „Am Anfang war das Wort“ woher man nun auch im Umkehrschluss ableiten könnte, dass es vor dem Wort ein oberstes Prinzip ohne Eigenschaften gibt.

Ich möchte hier nicht über den tieferen Sinn des obersten Prinzips philosophieren sondern nur zu Gedanken anregen, ob nicht wirklich auch ein „Weißes Buch“ als Symbol für andere Brüder und Logen ähnlich hohe Bedeutung haben kann, wie für unsereLoge die Bibel.

Ich habe ein wenig Angst, dass die Freimaurerei im Festhalten an Dogmen, denn als solche bezeichne ich undiskutierbare Festlegungen und Prinzipien, die Verbindung zu ihren Wurzeln der Humanität, der Toleranz, der Nächstenliebe und dem Freiheits- und Wissensdrang der großen Vorbilder aus der Zeit der Aufklärung verliert. Somit ist auch sehr schnell die Akzeptanz zur Bevölkerung in der postmodernen Gegenwart aufs Spiel gesetzt.

Dieses Thema gab genug Stoff für mich einmal darüber nach zu denken, wo die Grenzen dessen sind, an denen für mich der Begriff "Freimaurerei" anfängt und wo er aufhört.

  • Ob es richtig ist, das die einen Freimaurer sind (Südamerika) und die anderen nicht (Frankreich) obwohl sie das gleiche tun.

  • Und ob Menschen Freimaurer sind, wenn sie bei der freimaurerischen Arbeit keinen Schurz tragen aber ansonsten ein ähnliches Ritual wie wir erleben also ebenso eine tiefe Bindung zu den Brüdern in der Kolonne aufbauen.

  • Ist es eigentlich noch Freimaurerei wenn das Ritual ein wenig (meinetwegen aus Unkenntnis) anders gestaltet wird, als es in den Büchern steht. Wir machen uns oft lustig über schlecht geführte Rituale – als wenn das Alles wäre und ein „gutes“ Ritual erst einen „guten“ Freimaurer ausmacht.

  • Waren die Brüder vor etwa 200 Jahren keine Freimaurer - deren Ritual war sicher etwas anders aufgebaut als unseres.

  • Ist das was uns Freimaurer ausmacht, ein Gefühl was uns auch aus der Aufnahme und dem Ritual brüderlich verbindet, oder liegt es an einem festgeschriebenen Regelwerk.

    • Für mich ist ein Bruder im engeren Sinn jeder, der mit mir in der Kolonne sitzt und dem ich dadurch enger verbunden bin.

    • Ein Bruder im weitern Sinn jeder freimaurerisch arbeitender Mensch der sich gleichfalls auf die Fahnen geschrieben hat, die Welt aus freimaurerischen Augen zu betrachten.

  • Wenn, was Freimaurerei ausmacht, nur auf ein festgeschriebenes Regelwerk reduziert wird, welches man auch nichtin Frage stellen darf, was unterscheidet uns dann noch von einer Sekte?


Zunächst ein Abschnitt aus dem Aufsatz des Br. Prof. Alfred Schmidt - Johann Wolfgang Goethe-Universität, mit dem Titel: “Humanitäre und Christliche Freimaurerei, philosophische und historische Hintergründe ihrer Einheit und Differenz“ wiedergeben 1996 Quatuor Coronati – Hamburg.

Br. Schmidt stellt fest, dass das Attribut „christlich“ zwar das Humanitäre in allen Freimaurerlogen einschließt, aber nicht umgekehrt „humanitär“ gleichbedeutend mit „christlich“ sei.

Während in der Zeit der Aufklärung das ursprünglich Christliche in den englischen Bauhütten einer ausdrücklichen Interkonfessionalität weicht, reichert die heute als christlich geltende Freimaurerei ihr Denkgebäude und ihre Rituale mit Vorstellungen aus der Welt christlicher Ritterorden an, so das vor allem die höheren Erkenntnisstufen ins Positiv-Christliche einmünden, d.h. in die Glaubensgewissheit, dass sich Gott in der Person und Lehre Christi auf absolute Weise offenbart hat“.

Betrachten wir dagegen die geistigen Wurzeln, aus denen die humanitäre Freimaurerei gespeist wird, so müssen wir zurückgreifen auf die philosophischen Gedanken und Ableitungen der Aufklärer im 18.Jhd., die auf der Grundlage der errungenen Denk- und Gewissensfreiheit den Dogmenstreit, den Aberglauben und den Fanatismus bekämpften.

Die These von Br. Schmidt bedeutet für mich, dass die Ursprünge der Maurerei nicht so christlich ausgeprägt waren wie wir sie heute sehen.

Das bedeutet auch, dass die heutige humanitäre Freimaurerei nicht wie immer gern gesagt wird, ohne Dogmen auskommt denn ich glaube, dass sich in der humanitären Freimaurerei der Gegenwart sehr zum Leidwesen freimaurerischen Grundprinzipien, unumstößliche Grundlagen verfestigt haben.

Immanuel Kant behauptet etwa zur gleichen Zeit (Aufklärung), dass der Mensch seine selbstverschuldete Unmündigkeit aufgeben und Mut fassen sollte, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen – hierzu zählt für michauch die Bibel.

Anderson, der Verfasser der Alten Pflichten von 1717, schreibt:

„In alten Zeiten waren die Maurer in jedem Lande zwar verpflichtet, der Religion anzugehören, die in ihrem Lande oder Volke galt, heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen.

Sie sollen also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen.

So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“

Ich glaube kaum, dass Anderson gewollt hätte, dass wir wegen eines „Weißen Buches“ eine so große Schar von Brüdern ausgrenzen und somit nie offiziell zu meinem engeren Kreis von Brüdern gehören können. Umso befremdender ist es, dass die über 100.000 Brüder aus Südamerika, die auch ein „Weißes Buch“ auflegen, anerkannt wurden. Da zählte wohl mehr die Masse (Man hätte wohl ganz Südamerika in die Irregularität gezwungen). Ich denke, dass diese, sagen wir mal politischen Spielchen, eines Freimaurers unwürdig sind.

Was aus einer, sicher falsch verstandenen, Interpretation eines von der Regularität anerkannten heiligen Buches wie dem Koran passieren kann sehen wir am Dschihad oder haben wir am Beispiel der Bibel in Südamerika, bei den Kreuzzügen und bei der heiligen Inquisition gesehen.

Allein das solche Exzesse aus einem geschriebenen Wort entstehen können, bekräftigen mich in der Annahme, dass ein ungeschriebenes Wort viel bedeutungsvoller sein kann, weil die Wahrheit ja in jedem von uns selbst steckt und wenn man sich damit intensiv beschäftigt - was wir Freimaurer ja tun sollten -, auch nicht falsch verstanden werden kann.

Wie positioniert sich die Freimaurerei in der heutigen postmodernen Gesellschaft, die seit der Aufklärung immer schwächer werdende Bereitschaft der Menschen, sich vorgegebenen Institutionen und Verpflichtungen – sowie auch Ritualen! – fraglos zu unterwerfen.

An die Stelle überkommener Verhaltenseinbindungen trat für die Menschen mehr und mehr die Möglichkeit - und der Zwang - der Wahl. Hintergrund dieser Entwicklung war, dass die Religion, die ursprünglich mit dem Anspruch verbunden war, die gesamte Lebensführung des Menschen zu bestimmen, ihre zentrale Stellung verlor.

Sie wurde auf eine engere, gewissermaßen spezialisiert religiöse Aufgabe zurückgedrängt und als subjektiver Glaube zur Privatsache. Damit sind die Zeiten, in denen ein allgemein gültiger Regelkatalog des guten bzw. gottgefälligen Verhaltens auch die Kriterien für ein gelungenes Leben liefert, vorbei. Dieses Thema gilt nicht nur für die Kirchen sondern ganz besonders auch für die Freimaurerei.

Für die Freimaurerei, die teilweise in berechtigter Weise, an alte Riten und Gebräuche gebunden ist, ergibt sich hier ein schwierig zu bewältigendes Problem.
 
  • Wie weit erfüllt die Maurerei eigentlich noch ihre Aufgabe?
  • Verschreckt das Festhalten an Christlichen bzw. Jüdischen Gebräuchen nicht manchen Bruder?
  • Ist die dogmatische Interpretation der Alten Pflichten oder der starre Aufbau der freimaurerischen Hierarchien und die etwas seltsam anmutenden Anreden wirklich ohne Gefahr zeitgemäß praktikabel?
  • Können wir uns das eigentlich noch alles leisten?

Warum wird eigentlich nicht ernsthaft hinterfragt, weshalb wir in den Mitgliederzahlen stark stagnieren oder, wenn wir Brüder gewonnen haben, warum machen sie sich manchmal bereits nach kurzer Zeit sehr rar? – Sind sie Enttäuscht? – Wurden ihre Erwartungen nicht erfüllt?

Ich finde, alles was wir tun und besonders alles was wir als gegeben voraussetzen - es sollte immer hinterfragt und zu jeder Zeit auf Gültigkeit geprüft werden.

Wir hatten letztens eine sehr schöne Diskussion mit dem Titel „Brauchen wir eine neue freimaurerische Ethik“ die durch Br. Ulrich angeregt wurde. Das war sicher ein guter Schritt in die Richtung wie ich mir Freimaurerische Arbeit vorstelle.

Zuerst in unserer Loge und dann in der ganzen Bruderschaft und da meine ich auch die da – die mit dem „Weißen Buch“ sollte jede Meinung eines Bruder respektiert und mit brüderlichem Wohlwollen analysiert werden. Wir sind nach unserer Selbsteinschätzung von allen Vorurteilen befreite freie Männer von gutem Ruf und danach sollen wir handeln. Wir erkennen grundsätzlich keine Dogmen an und wir erkennen keine Gesetze an sofern sie gegen unsere freimaurerischen Prinzipien wie Humanität, Toleranz und Nächstenliebe verstoßen.

J.W. Goethe schrieb:

„ Ohne Zweifel kommt alle Wahrheit von Gott; aber die Kirche!
Da liegt’s. Gott spricht zu uns durch diese Blume und jenen Schmetterling; und dies ist eine Sprache, die diese Spitzbuben nicht verstehen“

Wenn Goethe heute leben würde, könnte er auch uns Freimaurer meinen!

Ich möchte nun mit einer kleinen fernöstlichen Geschichte von einem jungen Mann, der Weisheit lernen wollte, zum Abschluss kommen.

Er zog durch sein Land und las alles was er finden konnte. Er sprach mit den weisesten Menschen seines Landes. Doch alles befriedigte ihn nicht. Als er vom Kloster der Weisheit erfuhr, bat er um Einlass.
 
Dort lernte er alles über die Welt, alles über Weisheit.
In die Jahre gekommen war er überzeugt, dass er nun Weise ist.
So bat er das Kloster verlassen zu dürfen um die letzten Jahre die ihm verbleiben, die Menschen in Weisheit schulen zu können.

Vor Verlassen stellte er den Antrag, dass man ihm ein Buch mitgeben mag. - Ein Lehrbuch über Weisheit. Man gab ihm ein Buch unter der Bedingung mit, es erst zu öffnen, wenn er die Grenzen des Klosters überschritten hat.
 
So geschah es.
Als er dann an einem Bach das Buch öffnete sah er zu seinem Erstaunen, dass die Seiten leer waren. Es war ein Buch mit weißen Seiten.

Er stürmte in das Kloster zurück und verlangte aufgeklärt zu werden. Man teilte ihm mit, wenn du wirklich weise bist, brauchst du kein geschriebenes Buch, denn du trägst es in dir.

Ich beziehe mich mit dieser Geschichte natürlich nicht darauf, dass wir die Weisheit gefunden hätten sondern, dass die Weisheit als das Oberste Prinzip in uns schlummert und meines Erachtens auch ein Weißes Buch vielleicht sogar mehr als jede religiöse Schrift, dieser Tatsache als Symbol gerecht werden kann und wir als aufgeklärte, von Toleranz, Humanität, Freiheit und Nächstenliebe geprägten Freimaurer jeder Loge für sich gestalten sollten, ihr Symbol für das Oberste Prinzip aufzulegen. 




Nachtrag vom 08.03.2012:

Heute bin ich dafür, dass anstelle der Bibel eher die Charta der Menschenrechte aufgelegt werden sollte.


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