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Freimaurer-Meisterbauriss - Eine (selbst) kritische Betrachtung der Freimaurerei


(Beitrag vom 15.12.2010 korrigiert am 24.02.2018)

Freimaurer-Meisterbauriss   (vom Mai 2005)

 

Einige Anmerkungen vorab:

Nachfolgend beziehe ich mich auf ein beispielhaftes Thema aus unserer Gesellschaft (Bereich: Politik und Wirtschaft) weil es gerade besonders aktuell ist und ich mich damit in den letzten Monaten intensiv auseinandergesetzt habe. Ich hätte genau so gut z.B. unsere globale Umweltpolitik, die Zukunftsängste unserer Jugend oder den teilweise unwürdigen Umgang unserer Gesellschaft mit alten Menschen nehmen können ( es gibt genügend gesellschaftskritische Bereiche, die man für diesen Bauriss mit meinem Thema anreißen könnte).


Auch Kritik an der Loge bzw. der Freimaurerei bitte ich, da ich ja ebenfalls ein Logenmitglied bin,  hauptsächlich als Selbstkritik zu verstehen.



Nach einer Tempelarbeit schließt der Meister vom Stuhl die Loge mit dem klaren Auftrag an die Brüder:

"Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer!
Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seit wachsam auf euch selbst!
Es geschehe also, zieht hin in Frieden!"

Was besagt nun dieser eindeutige Auftrag?

Für mich als Freimaurergeselle gilt es auf meinem Weg, den Umgang mit den Brüdern, das Logenleben, die Gedanken der Freimaurerei zu verinnerlichen und mehr und mehr in den Alltag zu integrieren.

Aber wie setze ich das um in dieser modernen Zeit der Globalisierung die sich wie eine Einbahnstrasse vor uns aufbaut, aus der es scheinbar keinen Rückweg gibt?

Nachfolgend benutze ich absichtlich die Anglizismen und künstlichen Begriffe aus der heutigen Wirtschaft um auch einmal die Kälte der Worte auszudrücken. Für die meisten Worte gibt es keine exakte deutsche Übersetzung, was auch zeigt, wo dieses Marktkonzept seinen Ursprung hat.

In den heutigen globalisierten Unternehmen, hat eine ganz kleine Gruppe von Führungskräften, die häufig eine ausgeprägte Shareholder-Value-Orientierung haben, das Sagen. Sie trifft Entscheidungen, die vielleicht kurzfristig großen finanziellen Erfolg versprechen, doch um die längerfristigen Konsequenzen, vor allem für die anderen, kümmern sie sich kaum.

In der Konsequenz hieraus stellt die Unternehmenspolitik die Marktwert-Maximierung des Eigenkapitals in den Vordergrund. Die Shareholder interessiert zuerst, dass die Cash-flow-Rendite größer als die Kapitalkosten sein muss. Daraus entsteht die Anforderung, Controlling-Verfahren zu entwickeln, über die diese Eigenkapitalkosten bestimmt und der Profit den Bereichen zugeordnet werden können, in denen sie entstehen. Gewinnträchtige und defizitäre, unproduktive Bereiche lassen sich so gut unterscheiden, es lässt sich ein Konzept nach der Devise Schneiden und Wachsen entwickeln.

Die meisten Manager betrachten das Shareholder-Value-Konzept als adäquates Lenkungsinstrument für Unternehmen. Die Ressourcen werden nicht mehr betrachtet, sondern der Fokus wird  ausschließlich an kurz- und mittelfristig rentablen Kerngeschäften gesetzt. Nachhaltigkeit was langfristige Rentabilität bedeutet, spielt in deren Betrachtungen keine Rolle mehr.

Mit Ressourcen sind in deren Sprache auch Mitarbeiter gemeint (Human-Ressources). So kann die Begrenzung des Fokus auf die wertschaffenden Kerngeschäfte zum Verlust von Kernkompetenzen führen. Es besteht die Gefahr einer kurzsichtigen, an Dividenden und Kurswerten orientierten Unternehmenssteuerung. Diese Unternehmen werden in der Regel nicht mehr vom typischen Unternehmer geführt sondern von Managern mit auf wenige Jahre begrenzten Verträgen. Leider trifft das auch in zunehmenden Maße auf den Mittelstand zu, der heute immer mehr von großen Unternehmen geschluckt wird und somit nach den gleichen Prinzipien durch den Konzern geleitet wird.

Das Schlimmste darin ist, dass diese winzige "Wirtschafts-Elite" nicht nur die Märkte, sondern über Filz und Sponsoring auch die Politik,  und Wissenschaft (Biotechnik, Gentechnik, Mikrotechnik) dominiert. Dazu gibt es "Seilschaften", einflussreiche Lobbies und weltweite Kartelle die die Staaten dazu zwingen, das in langen Jahren errungene, teilweise sicher auch ausgenutzte, soziale Netz abzubauen.

Die Menschen sind und werden in Zukunft immer mehr auf sich selbst gestellt sein.

Die "Starken" helfen nicht mehr den "Schwachen".

Die internationalen Finanzmärkte beginnen selbst denen Angst zu machen, die von ihnen profitieren. Es sind die Größenordnungen, die beängstigen, nicht die Prinzipien. Beängstigend ist freilich, wenn die Allianz von Orientierungslosigkeit und Informationsüberangebot sich anschickt, die Herrschaft über die Erde zu übernehmen. Der Bürger zieht aus seiner Überinformation keinen Gewinn mehr. (Das beste Versteck ist in der Menge, der beste Datenschutz ist die Daten in einer Überfülle zu vergraben).

Durch die daraus entstehende Orientierungslosigkeit resultiert teilweise auch die Einsamkeit, der viele, häufig gerade junge Menschen, verfallen.

Wir Freimaurer sind dagegen eine kleine, um Mitgliederzahlen ringende Gruppe von nicht mehr ganz so einflussreichen und auch nicht ganz so freien Männern die, wenn sie noch im Arbeitsleben stehen, oft so stark eingebunden sind, dass kaum Luft zum Atmen bleibt. Ganz zu schweigen von denen, die unfreiwillig die Arbeitswelt verlassen müssen und sich für sich und ihre Familien ernsthafte Sorgen um die Existenz machen.

In dieser Welt ist es, obwohl sie es sehr nötig hätte, schwer geworden, freimaurerisches Gedankengut zu verbreiten und erst Recht, danach zu leben.
Wenn ich mich so in unserer guten Loge umschaue, vermisse ich Brüder, die sich mit diesen Themen (zumindest in der Loge) auseinandersetzen oder gar sich politisch oder gesellschaftlich aktivieren. Zu oft höre ich von "alten" Zeiten.

  • Freimaurer haben die modernen Demokratien gegründet oder waren zumindest daran beteiligt.
  • Mozart war Freimaurer
  • Johann Wolfgang von Goethe war Freimaurer
  • Ephraim Lessing war Freimaurer
  • Kaiser Wilhelm I war Freimaurer
  • Kaiser Friedrich III war Freimaurer
  • George Washington - 1. Präsident der U.S.A war Freimaurer
  • Winston Churchill - Britischer Premierminister war Freimaurer
  • Mustafa Kemal Atatürk - Vater der modernen Türkei war Freimaurer
  • Oder - Früher haben wir bis in den Morgen getagt und diskutiert.

Was ist daraus geworden meine lieben Brüder?

  • Wo sind die großen Leitbilder der Freimaurer-Lehrlinge und  Gesellen von heute? Wir sollten den oben genannten, längst verstorbenen Brüdern, die ihrer Zeit weit voraus waren, nacheifern und uns nicht auf deren Lorbeeren ausruhen.

  • Wo sind die nächtelangen Diskussionen die uns helfen, mit den Themen unserer Zeit  umzugehen? 

Sicher kann die Freimaurerei nicht als Organisation in der Öffentlichkeit politisch und gesellschaftlich Stellung beziehen. Aber in den Logen sollten diese Themen einen viel größeren Stellenwert bekommen.
 
Eine für mich wesentliche Erfahrung in der Freimaurerei ist die überaus positive "Streitkultur" mit der wir uns in der Loge begegnen.
Eine äußerst wichtige Grundlage, um vernünftige Diskussionen z.B. über Wirtschaftsethik, Moral, Gerechtigkeit, Toleranz und Humanität in unserer modernen Gesellschaft zu führen.


Hier können wir lernen:

  • andere Meinungen zu tolerieren,
  • eine Meinung zu bilden,
  • seine Meinung zu überprüfen,
  • sich mit den Problemen unserer Gesellschaft auch und erst Recht, wenn sie uns nicht selbst betreffen, auseinander zu setzen
  • nämlich den rauen Stein zu bearbeiten und sich selbst zu erkennen.

Freimaurer werden, wie wir es in den "Alten Pflichten" von 1723 nachlesen können, nur freie Männer von gutem Ruf. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als es noch Leibeigene gab, war klar, was das bedeutet. Heutzutage können wir nicht mehr vom Gegensatz Leibeigener / frei Geborener ausgehen, sondern nur noch vom geistig und wirtschaftlich freien Mann.

Dem trägt auch das Ritual Rechnung, indem der Meister vom Stuhl fragt:
"Wodurch soll sich ein Freimaurer im Leben vor anderen Menschen auszeichnen?"
Darauf die Antwort durch den II Aufseher:
"Durch winkelrechte Lebensführung, von der Sklaverei der Vorurteile befreite Gedanken und echte Freundschaft zu seinen Brüdern".


Doch was sind heute freie Männer?

  • Können wir noch frei entscheiden oder entscheiden wir häufig aus Sachzwängen anders als es uns unser Gewissen vorschreibt?
  • Können wir uns z.B. auch gegen Vorgesetzte für einen von oben "gemobbten" Mitarbeiter einsetzten ohne selbst gekündigt zu werden?
  • Können wir frei wählen? ( oder wählen wir oft nur das kleinere Übel?
  • Sind die unschuldig z.B. durch eine Firmenauflösung von Harz IV betroffenen Menschen noch frei?
  • Wirtschaftlich sicher nicht! Und Geistig wage ich es für viele zu bezweifeln. Sie sind durch diesen Schicksalsschlag gelähmt, haben Angst und sind in ihrer Würde verletzt!
  • Sie werden gezwungen, für einen Hungerlohn Arbeiten zu verrichten, für die sie häufig überqualifiziert sind. - Ich nenne das Zwangsarbeit. 

Das alles sind Fragen, die ich mir oft selbst stelle und nicht immer positiv beantworten kann.

Ich denke, freie Männer sind Menschen, die unbequeme Fragen stellen, die ihre eigenen Ideen entwickeln und versuchen, sie umzusetzen.

Freie Männer sind auch Menschen, die sich mit anderen freien Männern reiben und in dieser Reibung in den Spiegel schauen.

Freie Männer sind auch Männer, die dem Staat und der Firma in der sie arbeiten nur solange Loyal gegenüber stehen, solange diese die Würde des Menschen und seine Rechte respektieren.

Zu seinen Pflichten gehört insbesondere die ständige und kritische Auseinandersetzung mit allen Institutionen des Staates, um deren Missbrauch zu verhindern. (Damit wir freie Männer bleiben!)

Als Freimaurer haben wir die Aufgabe, eine soziale und demokratische Regulierung des Globalisierungsprozesses zu versuchen und sie von möglichst vielen verschiedenen Ebenen anzugehen.

Diese Arbeit fängt in den Logen an. Hier sollte in den Diskussionen, Gästeabenden und Zeichnungen ständig eine Auseinandersetzung über die Entwicklung unserer Gesellschaft erfolgen. Wir können uns nicht zurücklehnen und uns mit den "alten Zeiten" begnügen. Die Zeit ist ungeheuer schnelllebig geworden, die Freimaurerei muss sich anpassen, wenn sie Überleben will. Daran wird sie gemessen.

Hier meine ich nicht das Ritual oder die besonders zu erhaltenen und zu schützenden alten Werte der Freimaurerei, sondern einzig und allein ihre Aufgeschlossenheit mit der Modernen umzugehen und sich den Fragen dieser Zeit zu stellen.

Die Deckung der Loge, der Respekt und die Toleranz der Brüder (alles sehr positive Erfahrungen, die ich in der Freimaurerei gemacht habe und die sicher Beispielgebend sind) erlauben es uns, unterschiedlichste Ansichten ohne Rücksicht auf profane Bindungen zu äußern.  - Auch das ist Arbeit an dem rauen Stein.

Freimaurerei ist Dienst am Menschen und somit Dienst an der Gesellschaft. Dabei weite ich den Begriff des Dienens bewusst auf das engere und weitere Umfeld jedes Einzelnen von uns aus.

Für einen Freimaurer jedoch liegt die Wurzel in der Loge. "Dienen heißt, tätig sein". Allen wird gleiche menschliche Würde und gleiches Ansehen zuerkannt. Wir spüren (hoffentlich) nichts von Ehrgeiz in unserer Loge, es sei denn, dem Ehrgeiz dienen zu dürfen. Dienen im besten Sinne.

"Ich bin der erste Diener des Staates", so sagte es einmal der Freimaurer Friedrich der Große. Ich zweifle nicht an der ethischen, moralischen und geistigen Anziehungskraft der freimaurerischen Botschaft. Wir betonen sehr stark den Aspekt des Dienens, der praktischen Tätigkeit neben dem Aspekt der geistigen Vervollkommnung und der Esotherik.

Dienen beginnt im Beruf und hört in der Familie und im Bruderkreis noch lange nicht auf. Dienen erstreckt sich auf alle Menschen, die in unserem Zirkel stehen.

Wir haben in unseren Logen aufgrund der unablässigen Arbeit am rauhen Stein ein hochqualifiziertes, geistiges und moralisches Potential.

Freimaurer haben die Werkzeuge ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln und damit auch zu verhindern, dass die Gesellschaft stagniert. Wir haben die Pflicht, das kulturelle, geistige und ethische Erbe der Menschheit zu bewahren. Das mag ein sehr hoher Anspruch sein, doch wer soll's tun, wenn nicht wir?


So möchte ich meine Zeichnung als Geselle mit dem Meisterwort schließen:


"Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder und bewährt euch als Freimaurer!
Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seit wachsam auf euch selbst!
Es geschehe also, zieht hin in Frieden!"


 
Dieser Meisterbauriss wurde im Mai 2005 für meine Erhebung zum Freimaurermeister vorgetragen. Er ist schon über 5 Jahre alt, aber leider immer noch aktuell.
Daher stelle ich ihn hier, auch wenn ich heute einige meiner damaligen Äußerungen etwas anders formulieren würde, zur Verfügung.




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