Ist die Freimaurerei nicht religiös genug?


(Beitrag vom 26.09.2012 korrigiert am 16.10.2013)

 
(Achtung: Der nachfolgende Text entspricht ganz und gar nicht der Meinung des Webseitenbetreibers)

Zu einem Gästebucheintrag von Elias Erdmann 26.09.2012

Ich bin (noch) beim FO (GLLFvD) und sehe dort ebenfalls die dringende Notwendigkeit einer Reform – aber meine Zielsetzung geht genau in die Gegenrichtung.
Wenn ich bei dem Text „Ist die Freimaurerei eine Religion“  die erwähnten Zitate betrachte, dann ist die Antwort eigentlich ganz eindeutig.

Die Freimaurerei in all ihren Lehrarten hat auf jeden Fall einen religiösen bzw. spirituellen Grundcharakter, den man weder leugnen noch relativieren sollte. Die Johannis-Logen beziehen sich auf Johannes, denn Täufer, auf den Tempelbau Salomons, auf den dreifachgroßen Baumeister, auf die Mysterienkulte der Antike, auf die Dombauhütten, … Und sie singen „Führ uns hin zu lichten Höhn! Lasst, was irdisch ist, entfliehen“. Dieser religiösen Bezüge beginnen nicht erst mit dem Meistergrad, sondern sie begegnen und schon bei den Passworten der ersten beiden Grade und bei den Bedeutungen der beiden Säulen.

Das Problem besteht meiner Ansicht nach nicht darin, dass die Freimaurerei diesen esoterischen/spirituellen/mystischen/religiösen Grundcharakter hat, sondern darin, dass dieser Grundcharakter seit den Zeiten der Aufklärung immer wieder geleugnet und relativiert wird.

Die Freimaurerische Symbolik wird in der „modernen Freimaurerei“ sehr häufig aus ihrem esoterischen/spirituellen/mystischen/religiösen Kontext herausgerissen und in einem humanistisch-diesseitigen Sinne uminterpretiert. Bei manchen Themen klappt das recht gut, z.B. bei der Arbeit am rauen Stein, aber früher oder später stolpert man dann über diverse Inkonsistenen. 

Ein Beispiel, das auf der Homepage erwähnt wird:

> Nun kommt es m.E. zu einem wirklich eklatanten symbolischen Bruch.
> Im Meistergrad findet sich kein Stein mehr. - Wo ist das Ergebnis der Arbeit des Gesellen,
> der ja auch die Aufgabe hatte, seinen "Stein" weiter zu bearbeiten?

Betrachten wir mal diese Symbolik vom rauhen Stein, Kubus und Reisbrett unter dem Aspekt „Materie und Struktur“.

Ein rauer Stein ist ein Stück Materie, das aber noch keine klare Struktur hat.
Ein Kubus ist ein Stück Materie, das eine ideale und klare Struktur hat.
Der Plan auf dem Reisbrett beschreibt eine Struktur, die aber noch nicht materiell ausgeführt ist.

Wir haben also folgende drei Stufen:
- Materie ohne Struktur
- Materie mit Struktur
- Struktur ohne Materie

Hier haben wir ein konkretes Beispiel für das Ziel „Laßt, was irdisch ist, entfliehen“.

Im ersten Schritt arbeitet man an der unstrukturierten Materie, um eine ideale Struktur bzw. Ordnung zu erreichen. Im zweiten Schritt abstrahiert man die Struktur vom Materiellen und lässt das Materielle hinter sich.

Ein vergleichbares Konzept ist auch an der Art und Weise erkennbar, wie Zirkel und Winkelmaß aufgelegt werden können:

- Die Materie dominiert über den Geist
- Materie und Geist sind miteinander verschränkt
- Die Geist dominiert über die Materie

Es handelt sich also bei dem fehlenden Stein nicht um einen logischen Bruch, sondern um eine konsequente Umsetzung eines geistigen Prinzips, das im Ritual versinnbildlicht wird.

Wenn man etwas betrachtet, dann steht man zunächst einmal vor einem Sammelsurium unterschiedlicher Teilaspekte, die auf den ersten Blick völlig ungeordnet sind. Hier ist noch keine geistige Struktur bzw. Ordnung erkennbar (Rauer Stein). Wenn man sich mit diesen Teilaspekten beschäftigt, dann erkennt man irgendwann Strukturen und Zusammenhänge. Man beginnt, diese Teilaspekte zu ordnen und zu strukturieren, bis man eine ideale Struktur entwickelt hat (Kubus). Im dritten Schritt kann man diese Struktur von den konkreten Teilaspekten komplett abstrahieren (Plan).
Im moralischen Bereich wäre das die Entwicklung einer „Maxime“. Im naturwissenschaftlichen Bereich wäre das die Erkenntnis eines allgemeinen Naturgesetzes. Im Platonischen Sinne wäre es die Idee, die allem Geschaffenen zugrunde liegt. Im Prolog des Johannis-Evangeliums wäre es der „Logos“, der in den Evangelien Fleisch geworden ist.

Wenn man die esoterischen/spirituellen/mystischen/religiösen Symbole und Rituale in einem diesseitig-humanistischen Sinne uminterpretiert, dann ergibt sich aber noch ein sehr viel grundsätzlicheres Problem. Das „Geheimnis der Freimaurerei“ geht dabei komplett verloren, denn es gibt kein diesseitig-humanistisches Geheimnis der Freimaurerei, das schrittweise vermittelt werden müsste, das in Allegorien und Symbole verhüllt werden müsste, das über Jahrhunderte geheim gehalten werden musste, das sich auf die diversen religiösen Themen und Begriffe beziehen würde, …

Diesem Geheimnis können wir uns nähern, wenn wir die Methoden, die wir an unseren Symbolen und Ritualen eingeübt haben, (in einem ersten Schritt) auf die Bibel anwenden.

In der christlichen und jüdischen Tradition gibt es die Lehre der mehrfachen Schriftdeutung: Origenes beschrieb ein System des dreifachen Schriftsinns, die Kabbalisten haben mit ihrer Pardes-Methode einen vierfachen Schriftsinn. (Die exakte Anzahl ist nicht so wichtig. Es geht nur darum, dass man schrittweise zur geistigen Bedeutung hingeführt wird.)

Wenn wir unsere Freimaurerischen Symbole im Kontext der mittelalterlichen Bauhütten interpretieren, dann entspricht das dem historischen Schriftsinn.
Wenn wir unsere Freimaurerischen Symbole als Sinnbilder für Tugenden und für innere Instanzen und Wandlungsprozesse interpretieren, dann entspricht das dem moralischen Schriftsinn.
Wenn wir unsere Freimaurerischen Symbole im spirituellen Kontext interpretieren, dann entspricht das dem geistigen Schriftsinn.

Wenn wir diese drei Sichtweisen auf die Bibel anwenden, dann können wir erkennen, dass es neben der offensichtlichen und allgemein bekannten Bedeutung noch eine verborgene und geheime Bedeutung der Bibel gibt, Dann lernen wir das erste Geheimnis kennen, das sich aus unserer Freimaurerischen Sichtweise ergibt. Unsere Freimaurerische Symbolik ist der SCHLÜSSEL zu diesem Geheimnis. Sie ist das LICHT, das uns gegeben wird, damit wir dieses Geheimnis erkennen können.

Wenn man jedoch die esoterischen/spirituellen/mystischen/religiösen Symbole und Rituale in einem diesseitig-humanistischen Sinne uminterpretiert, dann bekommen wir in unserer Symbolik einen Schlüssel, der nirgendwo mehr passt. Dann stellen wir das Licht unter einen Scheffel, so dass es nichts mehr erhellen kann und dass es früher oder später verlischt.

Wenn wir diese Methode an der Bibel eingeübt haben, dann können wir sie in einem zweiten Schritt auf uns selbst anwenden. Dann wird die Bibel zum „Licht“. Diese drei Ebenen können wir dann nämlich auch in unseren inneren Bildern erkennen, in unseren Träumen, Phantasien, Ideen, … in den Bildern, die in Momenten der Stille in uns auftauchen. Bei diesen Bildern mischen sich natürlich auch viele andere Themen mit rein: unsere Ängste, Fixierungen, Begierden, verdrängte Themen usw. Man muss mit sich im Reinen sein, um diese Spiegelungen zu erkennen und um sie rausfiltern zu können. Eine absolute Tugendhaftigkeit ist dafür nicht unbedingt notwendig, aber eine absolute Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Denn sonst wird die Wahrnehmung der spirituellen Ebene in uns durch diese anderen Spiegelungen überlagert und entstellt.

Mit herzlichen und brüderlichen Grüßen

Elias Erdmann





Antwort:

Lieber Bruder Elias,
wie du weißt und auch schon im ersten Absatz angegeben hast, muss ich dir in aller Hinsicht, zumindest was die Freimaurerei von AFAM betrifft, widersprechen.  Ich verstehe auch nicht, warum du dich als FO-Bruder auf dieser Webseite mit deinem Gästebucheintrag platzieren möchtest, obwohl sich meine Kritik ausdrücklich mit unseren Ritualen (AFAM) beschäftigt. Da ich jetzt keine Zeit für Details habe, möchte ich dich bitten, später nochmals hier reinzuschauen.

Ich habe einen Vortrag über dieses Thema gehalten - siehe hier.



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