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Ein Freimaurermeister soll ein Leben lang Lehrling bleiben


(Beitrag vom 13.06.2014 korrigiert am 22.06.2017)

Logenvortrag vom 13.06.2014.

Liebe Brüder,

vor ein paar Monaten hörte ich in unserer Loge einen ansonsten guten Meisterbauriss. Ein in unserem Bund weit verbreitete und gern benutzte Satz, der praktisch als Mahnung in diesen Bauriss eingebaut wurde, ließ mich nach meinen langjährigen Erfahrungen in unserem Bund allerdings fast reflexartig besonders aufhorchen.

Ein Freimaurermeister soll ein Leben lang Lehrling bleiben“.



Wenn man sich nun einmal zurücklehnt und über diesen Satz nachdenkt,muss einem einfach auffallen, daß er nur falsch sein kann. Wie kann ein Mensch, der z.B. Dachdeckermeister geworden ist und somit gelernt hat, wie ein Dachstuhl aufgebaut ist und das die Kehlbalken wesentlich für die Stabilität des Dachstuhls verantwortlich sind, die Welt seines Handwerks noch als Lehrling betrachten?
Ein Dachdeckerlehrling ist allenfalls mal in der Lage einen Balken zu hobeln vielleicht sogar einen 45 Grad Schnitt  zu machen aber im würde es sicher nicht wie dem Meister sofort auffallen, daß dieser Balken niemals als Kehlbalken für das zu bauende Dach zu benutzen ist, weil er wegen fehlender Höhe nicht die notwendige Stabilität bringt. Er kann es einfach nicht, weil er diese Zusammenhänge noch nicht gelernt hat. Ebenso kann ein Meister sein erworbenes Wissen nicht einfach verleugnen und sich erneut als Lehrling versuchen. Es wird im sicher nicht gelingen.

So ist es auch in der Freimaurerei. Wenn sich ein Bruder als Freimaurermeister entwickelt hat, sollte er sicherlich eine andere Sichtweise auf diese Welt als ein Freimaurerlehrling haben. Es kann und wird im sicher nicht mehr gelingen, die Welt aus den Augen eines Lehrlings zu betrachten und wenn doch, ist m.E. etwas schief gelaufen, da hat der Bund mit seinem Lehrgebäude versagt.

Richtig wäre der Satz:

Ein Freimaurermeister soll sein Leben lang Lernender bleiben“ 

was dann wohl auch auf jeden Menschen zutreffen dürfte.

Durch Austausch eines einzigen Wortes bekommt dieser Satz eine ganz andere und damit richtige Bedeutung.


 
Zur Tabula Smaragdina:

Vor etwa 1 Jahr hörte ich in unserer Loge ebenfalls einen Meisterbauriss  der zu meiner Überraschung sehr Wissenschaftlich aufgebaut war und mir inhaltlich wirklich gut gefallen hat. Es ging um Quanten, Doppelspalteffekt, Teilchen, Galaxien dem Universum usw.

Ganz zum Schluss dieses Vortrages kam der alte Satz aus den Mysterien (Wir hören ihn oft in unserem Bund und auch im profanen Alltag - er wird fast schon als Kausalität betrachtet):

"Wie oben - so unten,
Wie innen - so außen,
Wie im Großen - so im Kleinen."

Dieses alte Mysterium ist eine Zusammenfassung aus der Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos dem altägyptischen Gott Thoth der als Gott der Schrift und Gelehrsamkeit bezeichnet wird. Nach dem hermetischen Verständnis beschreibt die Tabula Smaragdina die Entstehung und Zusammenhänge der Welt und wird somit im hermetischen Denken auch als der „Stein der Weisen“ begriffen. Man kann sie auch als DIE Grundlage der alten Mysterien bezeichnen. Für die damalige Zeit als man noch keine weitergehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse hatte, sicher eine sehr fortschrittliche Sichtweise auf diese Welt.

Alle spendeten dem vortragenden Bruder verdienterweise Applaus und fanden die Zeichnung "Supergut". Nur ich hatte eine kleine, natürlich nebensächliche Bemerkung, die alle zunächst aufhorchen lies aber kurze Zeit später sicher wieder vergessen wurde.

Ich frage den Referenten ob ihm nicht aufgefallen sei, daß er mit seinem Vortrag, als er uns den Doppelspalteffekt vorstellte, gleichzeitig nicht dieses alte Mysterium aus heutiger Sicht als wissenschaftlich unhaltbar und damit falsch definiert. Warum trägt er es trotzdem vor?

Er war von meiner Frage sichtlich überrascht.

Im bedingungslosen Glauben an diese alten Mysterien werden sie einfach gelebt, ins Gehirn eingepflanzt und vorgetragen - ohne sie wie auch bei religiös begründeten Glaubensvorstellungen notwendig,  auf neueste Erkenntnisse zu prüfen.

In der Quantenmechanik wurde in den 70’er Jahren durch den Doppelspalteffekt schließlich bewiesen, daß sich Teilchen anders verhalten wenn sie beobachtet werden.

Wenn man zum Beispiel das obere Mysterium auf die Ergebnisse des Doppelspalteffektes anwendet würde, wäre der Mond nur am Nachthimmel, wenn man da hin schaut ansonsten wäre er nicht da.  Einstein, als er zum ersten Mal von der Theorie der Quanten hörte, prägte in der Erkenntnis dieser Unstimmigkeit am Anfang des letzten Jahrhunderts diesen aus heutiger Sicht falschen Satz:

"Ich glaube nicht an die Quanten den ich bin überzeugt, daß der Mond auch da ist wenn ich nicht hin sehe".  Damit hat er (vielleicht unwissentlich) die alte Weisheit des Hermes Trismegistos als Argumentation heran gezogen (Wie im Kleinen so im Großen).

Auch ist ein Elektron nicht vergleichbar mit einem Planeten. Selbst das erste Atommodell von Niels Bohr (1913) wird heute nicht mehr als gültig betrachtet. Quantenmechanisch betrachtet sind die Bahnen auf denen Elektronen um einen Atomkern kreisen nicht mit Planetenbahnen vergleichbar, es wirken auch ganz andere Kräfte.


Mit einer bald 100 Jahre alten Theorie und seit nunmehr 50 Jahre alten wissenschaftlichem Experiment wurde bewiesen, daß "Wie im Großen (z.B. der Mond) - so im Kleinen (die Quanten)" einfach nicht stimmt und somit ist dieses Mysterium und damit auch das Mysterium des "Steins der Weisen" wohl oder übel zu den Akten zu legen.
 
Und trotzdem bedienen wir uns dieser alten, heute teilweise widerlegten Mysterien nach wie vor. Warum nur?

Wenn man diese beiden Beispiele in unserem Bund anspricht kommt oft eine ganz interessante Argumentation zu Tage. „Das musst du nicht so ernst nehmen, ist doch gar nicht so gemeint, sind nur Metapher“.

Ja, das habe ich bereits als 14 Jähriger schon im Konfirmandenunterricht von meinem Pfarrer gehört, wenn ich unbequeme Fragen gestellt hatte. Dieses Problem tritt meistens auf, wenn man dogmatisch an überlieferten Mythen und Glaubensvorstellungen festhalten möchte und sich dann damit in der modernen Zeit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen oder Erfahrungen stellen muss. Dies kann auf Dauer nicht gut gehen man fängt an zu deuteln, sieht nur noch Gleichnisse oder ganz frei nach gut Dünken zu interpretierende Symbole und Rituale. Es gibt einfach keine intelligente Grundlage mehr.

So werden Floskeln wie die des Freimaurermeisters der sein Leben lang Lehrlings sein sollte oder Sätze aus längst überholten Mysterien durch ständige Wiederholungen am Leben erhalten und bekommen so irgendwie einen eigenen unbegründeten Wahrheitsgehalt. Mir passiert dies auch - es ist quasi wie ein Reflex und sollte möglichst abtrainiert werden. So versuche ich mir bewusst die Floskel „Ich glaube das ...“ abzugewöhnen und durch „Ich denke das … „ zu ersetzen was sicherlich richtiger ist aber glaubt mir, es ist schwer.



Ein Freimaurermeister soll ein Leben lang Lernender bleiben.

Diese wichtige und richtige Grundlage möchte ich mir für den Rest meines Vortrags zu Eigen machen und mich darauf beziehen.

Die Kirchen und auch die Freimaurerei haben in den letzten Jahrzehnten mit erheblichem Mitgliederschwund zu kämpfen was sicherlich auch an den nicht mehr vermittelbaren Inhalten und der Diskrepanz zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit liegen mag.

Nicht vermittelbare Inhalte resultieren daraus, daß man sich in seinen Botschaften hauptsächlich auf alte Mythologien und Rituale beruft, denen auch kein moderneres Gedankengut entgegenzusetzen vermag oder wie ich in unserem Bund erlebe, oft gar nicht möchte. Man hält fest an alten Zeiten, sammelt Insignien aus längst vergangenen Jahrhunderten und schmückt sich damit. Man hat einfach Angst vor Veränderung. Negative Begleiterscheinungen der Vergangenheit werden einfach geleugnet oder nicht zur Kenntnis genommen. Ein Beispiel hierfür sind die noch heute beliebten Feldlogen in der Maurerei.

Wie soll daraus Neues entstehen wenn wir, wie ich überall erfahre nicht mehr als die angesehen werden, die mit fortschrittlichen Gedanken Impulse geben können?
 
Wie wollen wir als Bund in der Lage sein, auch zukünftig die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, den „Tempel der Humanität“ zu bauen? Kann es sein, daß die meisten Brüder diesen „Tempel der Humanität“ nicht mehr als ihr Ziel begreifen sondern ihr eigenes Ego in Form des „Rauhen Steins“ besser noch des „Kubischen Steins“  da er ja Vollkommenheit repräsentiert,  in den Vordergrund stellen?

Wie kommen wir überhaupt dazu, die Freimaurerei als die „Königliche Kunst“ der Menschwerdung zu bezeichnen? Ist diese Selbsterhöhung und Selbstbeweihräucherung angesichts der ewigen Gestrigkeit in unserem Gedankengut nicht arg vermessen?




Evidenzbasierte Sichtweise:

Wieso tut sich die Freimaurerei so schwer ihr Weltbild von ihrer Glaubens und Mysterien behafteten starren, statischen Sichtweise zu einer modernen evidenzbasierten Sichtweise zu transformieren?

Irgendwie sollten doch gerade wir als Freimaurer diese evidenzbasierte Methodik doch beherrschen und lernen damit umzugehen. Zumindest wir bei AFuAM bezeichnen uns als Freimaurer, die in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung stehen. Nur was meinen wir damit?

Meinen wir die Sichtweise der Aufklärung des frühen 18. Jahrhunderts in der es nirgendwo auf der Welt demokratische Systeme gab, in einer Zeit in der wir noch nicht einmal ansatzweise wussten, wie unser Universum aufgebaut ist und lange vor der Zeit als das erste Atom gespalten wurde – Möchten wir in dieser Zeit verharren?

Oder meinen wir den fortschrittlichen Geist dieser Epoche der vor 300 Jahren ungeheuer viel für die Menschen gebracht hat. Ihnen die Freiheit geschenkt und zum selbstständigen Denken animiert ja sogar gefordert hat und den wir heute als evidenzbasierten, dynamischen Prozess fortsetzen sollten?

Mir als Suchendem (wie wohl jedem Interessierten heute noch) wurde damals auch schon erzählt, daß etliche Freimaurer wesentlich an der Formulierung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten beteiligt waren. Liebe Brüder, das war am 4. Juli 1776!!

Längst haben alle Staaten der sogenannten „Freien Welt“ Demokratien gegründet. Die Bildung dieser Staatsformen waren dynamische  Prozesse, die immer wieder kontinuierliche Änderungen an den Systemen herbeiführten und das manchmal zum Guten manchmal aber auch nicht. Es gab auch drastische Einbrüche wie sich in unserer eigenen vergangenen Geschichte nach der Weimarer Republik zeigte.
Auch die Verfassungen dieser demokratischen Staaten sowie unser Grundgesetz wurden oftmals überarbeitet. Für die „alten Pflichten“ quasi dem Grundgesetz der Freimaurerei von 1723 gilt dies natürlich nicht, sie behalten bis heute, 300 Jahre nach ihrer Entstehung, ihre Gültigkeit. Welchem vernunftbegabten Menschen kann man das eigentlich noch begreiflich machen?

 
Viele europäische Staaten haben bereits Volksabstimmungen in ihrer Verfassung stehen. Dies ist eine Weiterentwicklung der Demokratie geboren aus einem zugelassenen wenn nicht sogar gewünschten dynamischen Entwicklungsprozess.  Können wir in unserem Bund da noch mithalten? Oder haben wir die Grundlagen unseres Bundes längst aus den Augen verloren, wenn wir für uns den fortschrittlichen Geist der Aufklärung erhalten wollten?

Sieht irgendeiner meiner Brüder etwa ein selbstverständliches Demokratieverständnis in den Logen und erst Recht im gesamten Bund welches als Zukunftsweisend für die gesamte Gesellschaft zu bezeichnen wäre?

Moderne demokratische Prozesse sucht man in unserem Bund leider vergeblich. Vergleichbares wie Volksentscheide gibt es nicht. Im Gegenteil, oft werden Seilschaften gesponnen die offensichtlich nur dem Machterhalt einzelner Personen oder Gruppen dienen.

Überhaupt stelle ich mir die Frage, ob wir in unserem Bund grundsätzlich in der Lage sind, dynamische Prozesse egal in welcher Richtung auch nur ansatzweise zuzulassen. Von der Möglichkeit evidenzbasierender Prozesse möchte ich in unserem Bund erst gar nicht reden. Möglich wäre natürlich auch, daß sie gar nicht gewünscht sind.

Eines sollten wir vielleicht verinnerlichen:

Das Leben ist wie eine Reihe von Trapezschwüngen. Man muss die alte Stange loslassen, noch bevor man die neue erreicht hat. Man kann die neue Stange niemals erreichen, wenn man die alte nicht losgelassen hat. Wenn man das nicht tut, wird man ewig an der einen Stange hin- und herbaumeln - ohne Ergebnis.




Wertorientierung als dynamischer Prozess.

Auch die Wertorientierung kann niemals ein statischer Zustand sein sondern muss sich immer einem ständig wechselnden dynamischen Prozess unterwerfen wie das Leben was an sich auch eines der dynamischsten Prozesse überhaupt ist. Prof. Dr. Uwe Böschemeyer schreibt hierzu:

„Werte sind Energiezentren mit hoher Anziehungskraft“

Hier meint er natürlich nicht fest vordefinierte Werte sondern Wertorientierung aus dynamischen Prozessen heraus was dann allerdings auch bedeutet, daß man sich anziehen lassen möchte und diesen Prozess aktiv zulässt. Leider ist dies und gerade in unserem Bund oft nicht der Fall.

Zeitgemäße, wertorientierte Gespräche sind das, was die Freimaurerei braucht und sei es nur um es für jeden Einzelnen zu ermöglichen den Sinn seines Lebens hier auf dieser Welt zu suchen und womöglich gar zu finden. Diese Gespräche, sofern sie überhaupt in den Logen stattfinden, fördern den Weg zur Selbsterkenntnis, bringen Selbstsicherheit und vor Allem die Erlangung der Eigenständigkeit zur Urteilsbildung. Hierfür muss man sich mit unserer Gesellschaft ausgiebig und möglichst in der Gruppe auseinander setzen und die ständig im Fluss befindlichen Entwicklungen, auch die der globalisierten Marktsysteme die versuchen uns Menschen zu beherrschen und uns ihren Gesetzen unterzuordnen, im Auge behalten und lernen sie zu verstehen. Auch an die Entwicklung unseres Bundes sollte ständig das Winkelmaß und das Senkblei angelegt werden.

Selbst Sokrates hatte diesen freiheitlichen Ansatz des Denkens damals schon erkannt was ihn dann eine Anklage und letztendlich den Tod brachte. Irgendwie scheint sich dieses Problem bis heute fortzusetzen. Man hat Angst vor Neuem, dem Unbekannten und offensichtlich ganz wichtig auch vor Machtverlust.

Genau diese Probleme sehe ich auch in unserem Bund. Das gilt sicher nicht für jeden Bruder denn einige, leider jedoch relativ wenige, unterwerfen sich auch bewusst dem dynamischen Prozess der Wertorientierung. Der größte Teil allerdings begnügt sich mit der Durchführung der starren, sehr statischen und seit Jahrhunderten festgeschriebenen Rituale und das auch bis zur Perfektion.
 

Wenn wir uns im Wertereservoir unseres Bundes  umschauen fallen einem direkt „Bruderliebe“, „Humanität“ und „Toleranz“ als wesentliche Bestandteile ein. Ich finde, „Bruderliebe“ sollte eher als „Menschenliebe“ bezeichnet werden.

Humanität und Toleranz hingegen sind sehr dehnbare Begriffe. Grenzen für Toleranz möchte man nicht setzen und Humanität definieren geht gar nicht, denn da sollte jeder natürlich seine eigene Meinung zu Humanität einsetzen. Ein gemeinsamer, dynamischer Entwicklungsprozess des Humanitäts- und Toleranzgedankens steht leider in den meisten Logen nicht auf dem Programm wie man leicht an den Arbeitsplänen der Logen ersehen kann. Eher geht das in Richtung Gleichschaltung durch dogmatisch  festgeschriebene Rituale die, wenn überhaupt vorhanden, das Gedankengut vergangener Jahrhunderte transportieren. Da die teilweise in den Ritualen vorhandenen Botschaften bei vielen aufgeschlossenen Menschen heute keinen Bestand mehr haben, wird wie bereits oben erwähnt, gedeutelt und geleugnet auf Teufel komm raus.

Nehmen wir als Beispiel das „Heilige Buch“ oder den „Großen Baumeister aller Welten“. Beide sind festgeschriebene Bestandteile einer regulären Freimaurerei. Da hilft auch nicht, daß in etlichen von mir besuchten überregionalen freimaurerischen Versammlungen unter Anderem genau diese beiden Punkte immer wieder in Frage gestellt werden. Auf dem letzten Stuhlmeistertag wurde sogar ein Antrag gestellt, sich dem „irregulären“ Grande Oriente (der beide Symbole nicht hat) anzunähern und wenn erforderlich auch von England loszusagen. Natürlich wurde dieser Antrag aus bereits oben erwähnten Gründen zunächst einmal auf Eis gelegt und abgelehnt.  Die reaktionären Kräfte haben in unserem Bund leider noch Oberwasser - Und dem "FREIEN Mann" als Freimaurer bleibt es weiterhin untersagt, offiziell diese "irregulären" Logen zu besuchen, dies muss er heimlich tun und darf sich nicht erwischen lassen.

Man nimmt billigend in Kauf, daß viele, meist lang gediente Brüder frustriert den Bund verlassen oder die innere Deckung längst vollzogen haben und setzt auf die jungen Brüder, die ja noch genügend enthusiastisch mitmachen, bis auch sie irgendwann mit genügend internem Wissen versehen vor den selben Problemen stehen könnten. Spätestens wenn sie merken, das das versprochene Geheimnis keines ist. 

„Dienstältere“ Brüder, vor allem die kritischen, bergen immer wieder die Gefahr, daß man sich mit denen auseinandersetzen muss, sie kennen das System und haben daher auch die Möglichkeit ganz unbequem zu kritisieren und womöglich auch das Gesamtsystem in Frage zu stellen.
 

Die Antwort der Freimaurerei zu dynamischen Wertentwicklungsprozessen sind mystisch oder religiöse begründete, oftmals verschleierte und mühsam je nach Bedarf umzudeutende Rituale.

Schauen wir einmal kurz über den Tellerrand zu den Hochgradsystemen sehen wir Rituale, die das Rittertum heroisch verherrlichen ohne an das blutige Gemetzel dieser Rittersleut zu erinnern ( Besonders York Ritus ). Auch die Brüder des Freimaurerordens (FO) nennen sich Freimaurer-Ritter. In den obersten Graden  des AASR endet diese Hochgradmaurerei sogar mit der Vereinheitlichung aller großen Religionen. Für mich vergleichbar mit einer großen Weltreligion (in der Freimaurerei???) – Die Realität zeigt uns aber nahezu täglich etwas anderes.

Im Freimaurerorden (FO) muss Jesus Christus als der Obermeister anerkannt werden. Da sind sie dann anders als AFuAM wenigstens konsequent! Jeder weiß direkt am Anfang, mit was er es in dieser Richtung in diesem Orden zu tun haben wird.

Leider ist das bei AFuAM nicht ganz so offensichtlich. Man wollte sich einen fortschrittlichen Geist geben ("..stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung...") verschleiert aber in den Ritualen Handlungen und Texte die m.E. eindeutig religiösen Charakter haben. Das erkennt man dann allerdings erst nach einigen Jahren, wenn man die Grade durchgearbeitet hat. Für mich ein sehr problematischer Ansatz. Ich hätte in AFAM eine moderne und weltlich orientierte Freimaurerei erwartet dafür findet man sozusagen die "eierlegende Wollmilchsau" unter der Freimaurerei. Wirklich schade, wie ich finde - da hat man eine echte Chance, die Freimaurerei in das 21. Jahrhundert zu transformieren, vertan.

Wie heißt es nochmal aus der Erklärungsnot heraus geboren? Der „Große Baumeister aller Welten“ ist kein personifizierter Gott sondern sollte nur als eine schöpferische Kraft gesehen werden.  Wie riet mir jüngst ein altgedienter Hochgradbruder: „Nehme als den gBaW doch einfach die Gravitation.“

Versuchen wir in nachfolgenden Textpassagen einmal den Begriff des gBaW z.B. mit Gravitation oder dieser für sich selbst definierten nicht Gottähnlichen schöpferischen Kraft zu ersetzen (aus den neuesten TA‘s von 2008):

  • Großer Baumeister aller Welten !
    Wir bewundern Deine Weisheit und Größe im Weltall; wir bewundern sie vorzüglich im Menschen, der allein, obgleich nur unvollkommen, Dich erkennen und anbeten kann. Segne den Bund der Freundschaft, den wir mit dem Suchenden schließen wollen. Verleihe ihm und uns allen Licht und Kraft, das Gute zu erkennen und mit Eifer und Standhaftigkeit zu üben, damit der Zweck der Freimaurerei erfüllt werde.

  • Oder:
    Großer Baumeister aller Welten !
    Dein Segen sei mit uns in dieser Stunde, da wir den Bund mit unseren Brüdern bekräftigen und vertiefen wollen. Gib Ihnen die Kraft, nicht mehr vom Ziel abzuirren …………

  • Oder wie am Ende jeder Arbeit:
    …….. so schließe ich diese Loge in Ehrfurcht vor dem Großen Baumeister aller Welten durch die uns heilige Zahl.


Ehrlich gesagt, hier fehlt mir die Phantasie in diesem Zusammenhang etwas anderes als einen personifizierten Gott zu thematisieren und im tiefsten Inneren fühle ich mich sogar an der Nase herum geführt wenn man mir weismachen möchte, hier ist kein personifizierter Gott gemeint.

Ich selbst bin seit etwa 2 Jahren in einigen humanistischen Netzwerken aktiv. Erst hier ist mir bewusst geworden, daß es einen festgeschriebenen aus alten Werten geborenen Humanismusbegriff nicht geben kann. Es ist erforderlich, seine humanistischen Werte immer wieder neu (am Besten in einer Gruppe Gleichgesinnter) zu überdenken, ständig das Winkelmaß und das Senkblei anzulegen, wie wir Freimaurer zu sagen pflegen. In diesen humanistischen Netzwerken wurde der Begriff des evolutionären Humanismus geprägt – Das gefällt mir und begeistert mich bis heute. Es ist ein dynamischer Prozess, der den Humanismusbegriff sehr in einem festigt. Viel mehr als eine vorgegebene Moralvorstellung da er eine oft hart erarbeitete eigene Ethik beinhaltet. Er ist nicht durch Glaubensvorstellungen oder alte möglicherweise unstimmigen Mysterien geprägt. Natürlich kann man da auch hier und da falsch liegen, aber wenn man das weiß, ist es ein Leichtes, dies abzuändern.

Ähnlich verhält es sich im Vergleich von wissenschaftlichen Erkenntnissen und religiösen Glaubensvorstellungen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind so lange gültig, bis gegenteiliges bewiesen ist, das wird allgemeinhin akzeptiert.
Religiöse Glaubensvorstellungen sind grundsätzlich nicht verhandelbar.

So wie die Natur um uns herum ein ständiger dynamischer Prozess ist, sollten wir erkennen, daß unser eigenes Leben durch dynamisiertes Denken, alles in Frage stellen und entsprechendes Handeln erst eine der menschlichen Natur entsprechende Sinnbildung erzeugt.
Es gilt also ständig neu die jeweiligen Notwendigkeiten für gesellschaftliches Denken und Handeln zu ergründen und die sich dadurch neu bietende Möglichkeiten aufzugreifen.

Erklärungsversuche alte durch die Tätigkeitsdynamik überholte Verhältnisse menschlichen Zusammenwirkens sowie alte, längst überholte Mysterien als erhaltensnotwendig darzustellen sind letztlich nur leere Worthülsen die Leid, Fehlentwicklung und leider auch Zerstörung verursachen. Ja, sie lähmen nahezu die eigene selbstständige Entwicklung und damit sind sie eher hinderlich für den symbolischen Bau.


Liebe Brüder und hier meine ich im Besonderen die jungen Brüder.
Ich möchte nun meinen Vortrag mit folgenden Worten abschließen:

Auch wenn dieser Vortrag sehr kritisch war, bin ich doch vom Geist der Freimaurerei nach wie vor überzeugt. Ich habe diesen Vortrag in ca. 3 Stunden geschrieben und wollte ihn nach dem 1. Lesen entschärfen. Dies habe ich nicht getan, da ich versucht hatte, meine Gedanken sehr flüssig aus einem Guss zu Papier zu bringen. Eine nachträgliche Entschärfung hätte diesem Vortrag wie ich finde, die Ehrlichkeit meiner Gedanken genommen. Es kann allerdings auch sein, daß ich die Freimaurerei vollständig falsch betrachte. Sie hat womöglich keine großen Ziele sondern möchte nur einen "kuscheligen" Rückzugsort vor den für manch einen nicht zu bewältigten Problemen des Alltags bieten. Hat ja auch etwas.

Der Grundsatz unseres Bundes lautet jedoch meiner Meinung nach:

„Wir arbeiten an dem Rauhen Stein um den Tempel der Humanität zu bauen“

Bitte konzentriert euch nicht nur auf den Rauhen Stein sondern vergesst niemals das Ziel - den symbolischen Bau als eine Metapher für eine humane, lebenswerte Welt - weil nur das hat Bestand, sogar über unseren Tod hinaus.

Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit.

Zum passenden Thread (Diskussion) in Facebook hier.

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