Diese Website verwendet Cookies.

Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Weitere Informationen über Cookies finden sie in unserer Erklärung zum Datenschutz.

ZustimmenImpressumDatenschutz

Freimaurerei - Visionen für die Zukunft auch unserer Loge. Gästeabend 21.09.2012


(Beitrag vom 22.09.2012 korrigiert am 22.06.2017)

Es ist natürlich wie immer sehr schwierig gerade in dieser schnelllebigen globalisierten Welt, in die Zukunft zu schauen und erst Recht für einen Bund, der stark mit alten Mysterien, Ritualen und überlieferten Traditionen verwurzelt ist und sich darüber hinaus auch im Besitz zeitlos gültiger Werte wähnt.

Wenn wir uns die Welt um uns herum anschauen kann man nur entsetzt sein um die Kraft der Wirkungen aus der Vergangenheit. Da gibt es Islamisten, die mit Smartphones, Sprengstoffgürteln und dem Geist des 8. Jahrhunderts ausgestattet, die moderne Gesellschaft zwingen wollen, sich ihrem vorsintflutlichem Diktat zu beugen.

Da gibt es aus der jüdischen Gruppierung, Vorwürfe bis hin zum Antisemitismus nur weil die meisten Menschen unter uns die grundrechtlich abgesicherte Unversehrtheit des Körpers von wenigen Tage alten und zustimmungsunmündigen Kindern, vor die rituell religiöse Zwangsjacke der Brit Mila (Beschneidung) stellen.

Da gibt es die christlichen Evangelikanen, die wie in weiten Landstrichen der USA bereits erfolgreich die Evolutionstheorie aus dem Schulunterricht verbannt haben und Hasstiraden gegen „Andersgläubige“ in die Welt setzen.

Sicher, meist ist es nur eine kleine Minderheit dieser religiösen Gruppierungen und sie schaden ihren, oft auch selbst um Säkularisierung und Erkenntnis bemühten, Glaubensbrüdern und Schwestern mehr als den Außenstehenden.

Schauen wir in die Vergangenheit, betrachten wir einen linearen Weg, einen teilweise auch diffusen geschichtlichen Zeitstrahl ohne Abzweigungen.

Diese Linie können wir exakt so oder möglichst ähnlich in die Zukunft transferieren und danach leben. Wir können aber auch nur die Erfahrungen hieraus nutzen, mit unseren neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden und daraus einen möglichst optimalen und neuen Weg für die Zukunft entwickeln.
Denn der Blick in die Zukunft muss keine Linie sein, er ist ein Geflecht aus unendlich vielen und immer wieder neu entstehenden Abzweigungsmöglichkeiten.

Selbst die Evolution, die wissenschaftlich und logisch begründet rückblickend den Ursprung unserer Welt darstellt, zeigt sich uns wie eine kontinuierliche Linie, ein sequenzieller, unumkehrbarer Prozess.
Um den Evolutionsprozess besser zu verstehen, habe ich ihn für mein Gedankenmodell in drei Teile, die meist unabhängig voneinander, manchmal auch mit katastrophalem Einfluss gegeneinander bis heute wirken, unterteilt:

  1. Stufe - Die Evolution der Materie. Hier spielen nicht vorstellbare Massen, Energien, Zufall und unendlich viel Zeit eine bestimmende Rolle. Sterne entstehen und vergehen. In diesem Prozess schaffen sie immer neue schwerere Elemente, neue anorganische und organische Verbindungen. Die Grundlagen für die nächste Stufe.

  2. Stufe - Die biologische Evolution, die Evolution des Lebens. Bisher nur auf unserem Planeten für uns erkennbar, hat sich die Evolution des Lebens in Gang gesetzt. Hier spielen die Grundsätze des Vermehrens, des Fressens und gefressen Werdens die wesentlichen Grundlagen. Nur ein winziger Bruchteil des auf unserem Planeten entstandenen Lebens hat bis heute überdauert, hat diesem Prozess standgehalten. Die Anderen, quasi die Verlierer dieses Prozesses haben Platz gemacht für die nächste Stufe.

  3. Stufe - Zumindest unsere Spezies befindet sich seit wenigen Sekunden im Evolutionsprozess des Geistes. Hier gibt es einen wesentlichen Unterschied zu den beiden ersteren Stufen.

    Wir können selbst bestimmen, wohin er geht!

    Ja, wir haben bereits in kurzer Zeit gelernt, selbst in die anderen beiden Stufen z.B. über Kernspaltung und Genmanipulation einzugreifen. Diese Entscheidungsmöglichkeit macht uns so nützlich aber vielleicht auch so gefährlich für unsere Erde. Wir haben es selbst in der Hand und wir müssen die Verantwortung, die daraus entsteht, verstehen um die nächste Stufe anzugehen.

    Die "Eroberung" des Universums.
    Dies geht aber nicht mit den Vorstellungen eines einzig wahren, allselig machenden Gottes, sondern nur mit einer sich dem Humanismus verpflichteten Menschheit, damit die Fehler aus Vergangenheit und Gegenwart nicht wiederholt werden.

Das Durchschnittsalter der Mitglieder unseres Bundes liegt bei deutlich über 50 Jahren. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert sind Politiker meines Wissens kaum in den Logen vertreten während allerdings beruflich und gesellschaftlich betrachtet, ein schon als repräsentativ zu geltender Durchschnitt zu Verzeichnen ist. Auch vereinen die Logen Männer unterschiedlichster Konfessionen, politischer Weltanschauung und sozialer Stände, wobei man möchte es annehmen, der bürgerliche Mittelstand überwiegt.
Durch diesen gesellschaftlichen Querschnitt haben sich unterschiedliche Strömungen in der Freimaurerei entwickeln, die um die Durchsetzung ihrer Ziele ringen und sich im Wesentlichen wie folgt darstellen:

  1. Gruppe versucht einen Ort zu finden, in dem man gemütlich nach anstrengender Woche Entspannung finden kann. Etwa zu vergleichen mit den Männerclubs in Old England.

  2. Gruppe befindet sich auf der Sinnsuche mit Hilfe von religiösen oder mystischen Symbolen und Handlungen. (Vergleichbar mit den Religionen)

  3. Gruppe, der ich angehöre sieht in unserem Bund keine Sinnsuche im religiösen Sinn - sondern konsequente Entwicklung und Anwendung eines modernen Humanismus. Was m.E. dem Leitspruch der Freimaurer am ehesten entspricht. „Wir arbeiten am Rauhen Stein um den Tempel der Humanität zu bauen“

James Anderson schrieb sinngemäß in seinen Alten Pflichten von 1723, sozusagen dem noch heute gültigen Grundgesetz der Freimaurer: „Der Maurer ist als Maurer nur zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen Übereinstimmen, und jedem seine besonderen Überzeugungen selbst zu belassen…“.


Wenn man mit dem heutigen Wissen und zeitgemäßen Vorstellungen behaftet diesen Satz zu deuten versteht, muss man zwangsläufig zu nachfolgender Erkenntnis kommen:


Diese Aussage ist die sehr vorsichtig formulierte Grundlage zu einer säkularisierten Freimaurerei des frühen 18. Jahrhunderts in einer Zeit, in der der Klerus noch eine erhebliche Macht hatte.
Wichtig erscheint mir hier die Feststellung, was wir in den folgenden 300 Jahren Entwicklung daraus gemacht haben.

Denn im Sinne unserer heutigen, durch die Menschenrechte und durch das Grundgesetz festgeschriebenen Glaubensfreiheit ist natürlich definiert, dass auch Atheisten die gleichen Rechte haben. Was dann letztendlich dazu führen muss, dass sich die Freimaurerei zu säkularisieren, also von sämtlichem religiösen Ballast zu befreien hat.

Denn sonst würde man den atheistischen Brüdern nicht die gleichen Rechte zugestehen. Man würde sie z.B. zwingen, auf die Bibel zu schwören und den g.B.a.W. anzuerkennen. Von den teilweise religiös/mystisch zu deutenden Ritualinhalten ganz zu schweigen.

Das sind wesentliche Elemente, mit denen wir uns auch in Zukunft möglichst vollkommen undogmatisch auseinander setzen sollten. An dieser Stelle kommt dem einen oder anderen Freimaurer sicher schnell der Gedanke, wenn wir das ändern „Was bleibt dann noch von der Freimaurerei?“.

Darauf kann es eigentlich nur eine Antwort geben – Die Grundlage der Freimaurerei, der Humanismus. Und zwar die immer wieder anhand von neuesten Erkenntnissen zu überprüfenden Gedanken und Umsetzung des Humanismus in seiner antidogmatischen Form.

Die Schaffung eines Gottes durch den Menschen ist aus den naiven Welterklärungsmodellen unserer frühesten Vorfahren ohne jegliche Möglichkeit der wissenschaftlichen Überprüfung entstanden.
Seit der Mensch denken kann, ringt er vermutlich um die Verankerung seiner Existenz in der Transzendenz. Manchmal gelang es wenigen, die Transzendenz rational zu begreifen und zu greifen.
Die meisten jedoch nutzten die Wünsche und Hoffnungen der Menschen fast immer für einengende Dogmen was letztendlich auch zur Gründung von Religionen und Kirchen führte. Die Triebfeder hierzu war und ist ein Machtbestreben welches häufig auch zu den schrecklichsten Kriegen in der Menschheitsgeschichte und fanatischen Ausrottungen ganzer Bevölkerungsgruppen und auch kompletter Völker führte.

Die wenigen Mystiker, die sich in fast allen Religionen fanden, versuchten dieses Problem aufzuweichen, was ihnen aber bis heute nicht gelang. Denn auch Mysterien bieten, wie wir es in den vielen unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten der Symbole und Riten in der Freimaurerei gut sehen können, zuviel Raum für Trennendes.

Menschen, die sich den Religionen nicht anschließen wollen und einen inneren Weg der Transzendenzerfahrung gehen, sind suspekt, sie bedrohen die Nutznießer der Religionen, manchmal auch der Freimaurerei, weil sie gedanklich frei sind und somit nicht beherrscht werden können.
Oft wird eine Religion auch in Verbindung mit Spiritualität gebracht, was mit der bisherigen Meinung zu Spiritualität natürlich stimmt denn sie ging im religiösen Sinn immer mit der Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit einher.

Für die Zukunft gibt es aber auch Beispiele aus neuerer Zeit in denen der Begriff Spiritualität auch ohne Gottes- oder Transzendenzbezug gedeutet werden will. Die Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit, Liebe, Verständnis und Mitgefühl könnten Gottgläubige, Agnostiker und Atheisten vereinen. So könnten wir von einer humanistischen Spiritualität sprechen, die darauf ausgerichtet ist, die Werte eines evolutionären Humanismus zur eigenen Lebenswirklichkeit werden zu lassen.

In der Freimaurerei sind dafür eine Menge Symbole vorhanden. Ich denke da in erster Linie an den Rauen Stein der zeitlebens bearbeitet werden muss um mit ihm den Tempel der Humanität zu bauen. Hierfür brauchen wir u.A. den Spitzhammer, Mörtel, das Winkelmaß, ein Senkblei, den Zirkel und eine gehörige Portion Ausdauer – alles Werkzeuge um unserer winkelgerechte Lebensführung, unser Mitgefühl und unsere Liebesfähigkeit zu prüfen.

Ein nach den Grundsätzen des Humanismus immer wieder neu entstehendes Weltbild ist sicher intellektuell viel aufwendiger zu erarbeiten, als ein nach irgend einem Glauben oder nach alten, überlieferten ethischen Dogmen vorgefertigte Ansicht unserer Welt. Dafür jedem einzelnen Bruder Hilfestellung zu geben, das ist eine der wesentlichen Aufgaben für die Zukunft unseres Bundes.

Auch konnte man z.B. noch bis vor kurzem auf der Webseite der Grossloge A.F.u.A.M nachlesen:
Wir stehen in der Tradition des Humanismus und der Aufklärung
Dieser Text wurde in der gerade neu entwickelten Webseite zu meinem Bedauern leider ersatzlos gestrichen. Was das bedeutet und ob es überhaupt etwas bedeutet, weiß ich noch nicht - Wir werden das in der Zukunft sehen.

Nun werden wir heute sicher einige Gäste unter uns haben, die sich jetzt die Frage stellen, was macht die Freimaurerei trotz dieser Widersprüche weiterhin interessant.

Wenn auch ein etwas idealistisches Bild - zur realen Umsetzung müssen wir innerhalb unseres Bundes noch etliches an Kraft aufwenden - kann ich ihnen aus meiner Sicht nur sagen:

Genau diese Widersprüche sind es und den damit verbundenen, gemeinsamen Ringen um Erkenntnisse hieraus.

Es ist einfach ein spannender Weg, der uns vieles abfordert aber auch ermutigt, unseren Verstand zu gebrauchen um damit Dogmen und alte verstaubte und oft nicht mehr zeitgemäße Traditionen zu überwinden.

Wir sind ein überparteilicher und keiner Konfession verpflichteter Bund von Männern und möglicherweise zukünftig auch von Frauen, die sich trotz aller Unterschiede auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam versuchen, den Tempel der Humanität zu bauen, einem Platz in dem es sich auch für unsere Kinder lohnt, zu leben.

Wenn wir unsere Aufgabe wirklich begreifen, können wir eine auch globalisierte und organisierte Kraft sein, die die momentan oft schmerzlich zu bemerkenden meist gegen den Humanismus und sehr kalt agierenden Marktgesetze prüft. Sich ihnen gegebenenfalls auch entgegen stellt.

Die Freimaurerei speziell in deren Logen, die Orte des Wissens und des Austausches sein müssen, kann uns helfen, eine möglichst allumfassende Erklärung für den Sinn des Lebens zu liefern. Und das womöglich auch ohne religiöse Aspekte, ohne Glauben an einen einzig wahren richtenden Schöpfergott und an eine unsterbliche Seele. Sondern allein aus der Kraft des Lebens und des Verstandes und mit viel Mut heraus.

In der Hoffnung, sie nicht gelangweilt aber womöglich ein wenig erreicht zu haben, möchte ich meinen Vortrag mit den Worten von Kurt Tucholsky und Arthur Schopenhauer beenden:

Kurt Tucholsky
Wer sich so mit dem Nebel des Mysteriums umgibt, wie alle diese, die es mehr oder weniger begabt der katholischen Kirche nachmachen, der zeigt, dass seine Position bei voller Klarheit viel zu fürchten hat.

Arthur Schopenhauer
Glauben und Wissen verhalten sich wie die zwei Schalen einer Waage: in dem Maße, als die eine steigt, sinkt die andere.


Als PDF-Datei anzeigen



Seite zurück